Kiste

Schöne Kindheit? Oder nicht? Wer bestimmt? Der Vater? Klar! Allerdings nur vorübergehend. Die Zeit ändert alles. Der eigene Verstand entscheidet!

Eine kurze Geschichte über eine Kiste

Neben mir wohnte bis vor einigen Jahren eine Familie mit elf Kindern. Ich kann euch sagen, das da täglich das pralle Leben stattfand.

Die Sippe war Mitglied in einer freikirchlichen Gemeinde. Der Vater war ein strenggläubiger Mensch. Er gehörte zum Kirchenvorstand der Freikirche. In der Kirchengemeinde schätzten viele seine Predigten. Zuhause konnte er sich verschiedentlich nicht überzeugend durchsetzen.

Die Ehefrau stand meistens zwischen ihm und den Kindern. Die gemeinsamen Sprösslinge waren im Alter von 12 bis 23 Jahren. Acht Mädchen und drei Jungen strapazierten ihre Eltern. Es gab strenge alltägliche Regeln in der Gemeinschaft. Daran hielten sich die Kinder von klein auf an nicht. Streit, Ermahnung und körperliche Strafen passierten alle naselang.

Im Hausflur lag immer ein Ledergürtel. Die Wirkung des Gürtels erfuhren im Laufe ihrer jungen Lebensjahre alle Kinder.

Merkwürdig erschien mir ein anderer Bericht zu sein. Es hieß, dass die Mädchen und Jungen sich ausschließlich kirchlich zu orientieren hatten. Alle heranwachsenden Kinder waren nicht der Meinung des Alten. Sie schmiedeten einen Plan. Das Ziel war unbeschwert ihre Jugend zu erleben. Keinen Schulfreunden erzählten sie von häuslichen Schwierigkeiten.

Ein Beispiel wird noch heute oft belächelt. Kein Mädchen durfte mit Freunden zu einer Tanzveranstaltung. Das war verboten. Sie nannten als Grund ihrer Abwesenheit die schulische Theatergruppe. Damit war der Alte zufrieden.

Der Vater begutachte seine Kinder zwanghaft. Er beobachtete sogar wann sie sich aus der Wohnung entfernten. Bei den Mädchen achtete er auf sittsame Kleidung. Jeanshosen waren verboten. Kleider und Röcke erlaubt. Dem Vater gegenüber verhielten sich die Töchter gesittet. Kaum hatten sie das Haus verlassen, zogen sie ihre Röcke aus. Die Jeans krempelten die Mädchen herunter. Weiter ging es zur Verabredung.

In dieser Familie war der jüngste ein außergewöhnlich begabtes Kind. In der Schule fiel das auf. Er bestand später sein Abitur mit Auszeichnung. Gleichzeitig hatte er es auch faustdick hinter den Ohren.

Er war der Einzige, der sich den Erziehungsversuchen des Vaters widersetzte. Erstaunlich war, das es dem selten auffiel. Natürlich spürte der Kleine ab und zu ebenfalls die Wirkung des Ledergürtels. Das passierte aber nur, wenn er nicht rechtzeitig die Haustür erreichte.

Manchmal blieb er bei der Anwesenheit des Alten verschwunden. Jeder wusste, wo er sich aufhielt. Niemand verpetzte ihn. War Vater dann weg, holte ihn irgendein Familienmitglied zurück ins Wohnzimmer.

Man ging in der Küche bis zur Sitzbank und klappte den Deckel hoch. Fröhlich lachend stieg der Jüngste aus der Kiste. Ab dem zwölften Lebensjahr gelang der Sprung in die Kiste nicht mehr. Er versteckte sich dann meistens bei Gefahr im Dickicht der bewaldeten Gartenumgebung.

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