Die Angeberin

Die Lady war speziell. Ein Charakter, den man nicht alle Tage trifft.

Die Angeberin

Einer meiner Freunde aus der Stadt war Psychologe. Ein erfolgreicher Arzt. In einem Café traf ich ihn.

Er erzählte mir vertraulich von einer Dame. Sie war jahrelang bei ihm Patientin. Die Lady war speziell. Ein Charakter, den man nicht alle Tage trifft. Sie war psychisch nicht einschätzbar.

Ihre Persönlichkeitsstörung, die zu absoluter Bindungsangst führte, war der Grund. Das zeigte sich in übersteigerter Selbstsucht. Dauerhafte Kontakte überforderten sie. Sie verhielt sich eitel und aufgeblasen. Diesen Teil der Störung vermochte mein ärztlicher Freund nicht zu therapieren. Das schien ihn zu bedrücken.

Wie der Zufall es will, begegnete mir kurze Zeit später ein Bekannter. Ich hatte ihn lange nicht gesehen. Wir tauschten Alltagsthemen aus. Er schilderte mir negative Erlebnisse mit seiner letzten Freundin.

Ich spitzte die Ohren und hörte gespannt zu. Es stellte sich heraus, dass es sich um die eitle, erfolgreiche Unternehmerin, die ehemalige Patientin meines Freundes, handelte.

Der Bekannte beurteilte die Dame abfällig. Er nannte sie eine Angeberin und Egoistin. Sein Urteil fiel ausgesprochen kläglich aus. Er beschrieb ihr Verhalten als egoistisch. Sie liebte sich ausschließlich selbst.

Männliche Wesen behandelte sie wie Abfall. Er sprach von einer sexsüchtigen Emanze. Die damit prahlte, dass Kerle einzig für eine Nacht taugten.

Sie erzählte ständig angeberisch von ihren One-Night-Stands. Sie liebte diese sexuellen Kurzbeziehungen. Die bereiteten ihr dauernd Vergnügen. Sie hoffte, dass es nicht bei den bisherigen 23 Erlebnissen bleiben würde.

Meinen Freund hatte diese Freundschaft gewaltig mitgenommen. Er hatte das Ganze nicht begriffen und ihr empfohlen, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen. Darauf wäre sie total ausgerastet und hätte ihm gesagt: «Kümmere dich um deinen eigenen Dreck! Das war es zwischen dir und mir.» Abschließend meinte er: «Es gibt Nettere wie die!»

Ich beabsichtigte, diese Dame zu vergessen. Das geschah nicht! Ab und zu traf ich mich mit einer Freundin. Sie war Journalistin.

Bei Kaffee und Kuchen redeten wir von anderen Personen. Tauschten Neuigkeiten aus. Bei diesem Treffen erfuhr ich erstmalig Details über drei ihrer Freundinnen. Die Ladys kannten sich seit ihrer Schulzeit. Sie trafen sich ständig zum Tratschen und Lästern.

Eine von denen erzählte ihr gehässig, dass sie sich vor kurzem von einigen Egoisten verabschiedet hätte. Meine Freundin bat ich um Einzelheiten zu dieser Dame. Schlagartig wurde mir klar, um wen es sich handelte.

Meine anschließende Reaktion: «Davon hörte ich. Bei unserem gemeinsamen ärztlichen Freund war sie Patientin. Den Arzt besuchte sie seit Jahren. Er hat mir erzählt, dass sie ihren letzten Termin bei ihm hatte.»

Ich fragte direkt: «Weißt du, warum ihr Kerle gleichgültig sind?» Ein Ruck durchfuhr die Freundin. Vor mir sass unvermutet eine Plaudertasche.

Unverhohlen erzählte sie: «Diese Dame schilderte mir boshafte Details. Ihre letzten Liebhaber zeigten sich abgebrüht und stumpfsinnig. Die Kerle waren lahm und untalentiert. Ebenfalls bemängelte sie die ausgeprägte Egozentrik der Partner für eine Nacht. Solche Burschen gehörten für sie an die frische Luft. Von Gefühlen zeigten diese scharfen Herren keine Spur. Die verhielten sich dauerhaft ausgesprochen schwachsinnig.

Gefühlskalte Kerle und deren Gelaber gefielen ihr nicht. Sie vermisste perfekte Leidenschaft. Für die Angeberin taugten Mannsbilder ausschließlich zur Liebe für eine Nacht.»

Meine Bekannte und ich, schauten uns nach Abschluss ihrer Erzählung über diese Freundin merkwürdig an. Ohne Vorwarnung fingen wir wie auf Kommando lauthals an zu lachen.

Jahre später erzählte mir ein Kollege, dass die Angeberin Teile ihres Vermögens verlor. Ein Charmeur eroberte ihr Herz. Er entlarvte sich als ein Herr, der Hochstapler und Ehebrecher war.

Die Angeberin war danach total abgedreht. Ihre übersteigerte Selbstsucht wurde unerträglicher. Sie verhielt sich täglich wie eh und je: Eitel und aufgeblasen! Kerle betrachtete sie nur noch als Gefährten für eine Nacht.

Die Angeberin
die Angeberin
Fingerbuch

Gefühlskalte Kerle und deren Gelaber gefielen ihr nicht. Sie vermisste perfekte Leidenschaft. Für die Angeberin taugten Mannsbilder ausschließlich zur Liebe für eine Nacht.»

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Autor: Dieter Heuer